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Gesprächsrunde zur Verstetigung der Schulsozialarbeit im LK Wittenberg

Aktualisiert: 23. Mai 2019

Der Kreiskinder- und Jugendring Wittenberg e. V. (KKJR WB e. V.), als Dachverband von 17 Mitgliedsvereinen, führte am 09.05.2019 im Soziokulturellen Jugendzentrum „Pferdestall“ in Wittenberg eine Gesprächsrunde zur „Verstetigung der Schulsozialarbeit“ durch. Den Auftrag dafür erhielt der ehrenamtliche Vorstand des KKJR WB e. V. vom Jugendhilfeausschuss und der Steuergruppe „Schulerfolg sichern“.


Insgesamt 27 Personen diskutierten angeregt miteinander, darunter S. Borgwardt (MdL der CDU Fraktion), Th. Lippmann (MdL der Fraktion DIE LINKE, M. Lieschke (MdL der AfD Fraktion, Vize-Landrat Dr. J. Hartmann, die Jugendhilfeausschussvorsitzende C. Reinecke, Jugendhilfeausschussmitglieder, Mitglieder des Ausschusses für Schule und Kultur, Ch. Kreuzmann, Schulleiterin der Sekundarschule „Heinrich-Heine“ in Reinsdorf, Schulsozialarbeiterinnen des Internationalen Bundes, der Arbeiterwohlfahrt und des Reso Witt e.V., sowie Schülerinnen und Schüler der Ganztagsschule Friedrichstadt Wittenberg, der Ganztagsschule Ernestine Reiske in Kemberg, der Förderschule an der Lindenallee in Gräfenhainichen und die fünf ehrenamtlichen Vorstandsmitglieder des Kreiskinder- und Jugendring Wittenberg e. V. Die Gesprächsrunde moderierte M. Werner, Vorsitzender des Unterausschuss Jugendhilfeplanung.


Einführend stellte die Leiterin der Netzwerkstelle „Schulerfolg sichern“ des Landkreises Wittenberg S. Ulbrich, den Anwesenden den „Imagefilm der Schulsozialarbeit im Landkreis Wittenberg“ vor. Im Anschluss daran erläuterte sie Zahlen und Fakten zur Schulsozialarbeit im gesamten Landkreis.

Die Schulleiterin der Sekundarschule „Heinrich-Heine“ in Reinsdorf berichtete über eine Unterbrechung der Schulsozialarbeit über einen Zeitraum von 1 ½ Jahren, da sich die dort angestellte Schulsozialarbeiterin in Elternzeit befindet. Die Schulleiterin berichtet von Überlastungsanzeigen des Lehrpersonals, Lehrer*innen im Krankenstand und Problemen mit Schüler*innen während dieser Zeit. Sie lobt ausdrücklich die erfolgreiche Unterstützung und die angeregte Netzwerkarbeit mit Beratungsstellen, Kliniken, Ärzten, psychiatrische Tageskliniken ect. durch die Schulsozialarbeiterin in der Vergangenheit. Schulsozialarbeiter*innen und Lehrer*innen arbeiten gleichberechtig und auf Augenhöhe miteinander. Kein Lehrer schaffe es, sich derart intensiv mit problematischen Einzelfällen zu befassen.

Kristin Knoll, Schulsozialarbeiterin der Ganztagsschule Friedrichstadt Wittenberg, berichtet über einen Einzelfall aus ihrer 9-jährigen Dienstzeit in einer Wittenberger Förderschule. Der Schüler L. wird seit der 2. Klasse durch die Schulsozialarbeiterin begleitet. Der zunächst ruhige und in sich gekehrte Schüler wird mit der Zeit zunehmend auffälliger. Er kommt stets übermüdet und zu spät zum Unterricht, verfügt über ein hohes Gewaltpotenzial gegenüber Mitschüler*innen und Lehrer*innen. In zahlreichen Gesprächen und methodischen Spielen im Rahmen der Einzelfallhilfe, erfährt die Schulsozialarbeiterin von Leon, dass er aus einer sozial benachteiligten Familie kommt und die Eltern nicht erwerbstätig sind. Leon versorgt bereits in den Morgenstunden seine 6 Jahre jüngeren Geschwister. Die Schulsozialarbeiterin fing ihn mit all seinen Problemen auf, nahm bei Hausbesuchen Kontakt zu den Eltern auf, arbeitet mit anderen Sozialhilfeträgern zusammen. Leon wurde einige Zeit in einem Kinderheim untergebracht und nahm in der Schule an einen Antigewalttraining teil. Im Anschluss daran reiste er mit seinen Mitschülern im Rahmen der Schulsozialarbeit an die Ostsee. Dort angekommen bedankte er sich vor Rührung weinend bei der Schulsozialarbeiterin. Mittlerweile hat er erste Praktika absolviert und besucht derzeit die Sekundarschule, um den Hauptschulabschluss zu erlangen. Nach dem Schulabschluss möchte der Schüler einen handwerklichen Beruf, wie Maurer, erlernen.

Die Schulsozialarbeiterin hat wöchentlich Kontakt zu 40 Schülern mit Einzelfallproblematiken. Insgesamt lernen 550 Schüler an dieser Ganztagsschule.

An einer Förderschule in Gräfenhainichen mit insgesamt 80 Schülern, kontaktiert die zuständige Schulsozialarbeiterin wöchentlich ca. 15 – 17 Einzelfälle.

Die anwesenden Schüler*innen schätzen an den Schulsozialarbeiter*innen das aufgebaute Vertrauensverhältnis, sie seien ständig verfügbare Ansprech- und Gesprächspartner*innen, die das ihnen Anvertraute für sich behalten. Die Angebote der Schulsozialarbeit wie Gruppenarbeit (gemeinsame Kochprojekte, Sportturniere, Entspannungstechniken, ect.), Präventionsprojekte, Tagesfahrten und Ferienlager sind bei den Schülern besonders beliebt.

Die anwesenden Vertreter*innen der Landtagsfraktionen äußerten sich positiv zur Schulsozialarbeit.

S. Borgwardt (CDU) unterstreicht den Erfolg der Schulsozialarbeit in den letzten 10 Jahren. Seine Fraktion unterstützt die Weiterführung des Programmes. Seit Anfang Mai liegt eine Beschlussvorlage dem Landtag vor, dass für die Jahre 2020 und 2021 insgesamt 13.579.000,00 Euro für die Weiterführung im Landeshaushalt eingestellt werden. Diese 100 % Förderung würde aus seiner Sicht auch in dem Falle, das die ESF-Förderung eingestellt werden würde, genügen. Allerdings sieht auch seine Fraktion einen deutlichen Mehrbedarf an Schulsozialarbeiter*innen. Über eine Förderung ab 2022 kann an dieser Stelle noch nicht beschieden werden.

Der Vertreter der FDP-Fraktion des Kreistages K.-D. Richter schlägt eine Novellierung des Schulgesetzes vor. Seine Fraktion möchte zukünftig nicht jedes Jahr neu über die Förderung diskutieren und kämpfen müssen.

Die Jugendhilfeausschussvorsitzende C. Reinecke berichtet über den jahrelangen Kampf des Jugendhilfeausschusses für die Verstetigung der Schulsozialarbeit. Weiterhin spricht sie sich für einen nahtlosen Übergang der Förderung aus.

Th. Lippmann (DIE LINKE) berichtet, dass seine Fraktion bereits seit 2016 die Verstetigung der Schulsozialarbeit im Landtag thematisierte. Er beschreibt wie sich Schule in den vergangenen Jahren vom klassischen Lernort zum Lebensraum (Ganztagsschulen) von Kindern und Jugendlichen entwickelt hat. Auch die Probleme an Schulen seien differenzierter geworden. Mobbing in jeglicher Form nehme kontinuierlich zu. Da Schüler*innen Lehrer*innen oftmals nur als Lehrkraft und nicht als Vertrauensperson wahrnehmen, sei Schulsozialarbeit ein wesentlicher Bestandteil an Schulen. Lehrer*innen nehmen ihren Bildungsauftrag wahr, das heißt, sie sind für das Lehren zuständig. Th. Lippmann spricht sich ausdrücklich für multiprofessionelle Teams zur Lösung schulischer und persönlicher Problemlagen von Schülern aus. DIE LINKE kämpft weiterhin für eine Verpflichtungsermächtigung zum Erhalt der Schulsozialarbeit über das Jahr 2022 hinaus. Von insgesamt 800 Schulen in Sachsen-Anhalt gibt es lediglich an 380 Schulen Schulsozialarbeit.

Die LINKE fordert die Aufstockung der Stellen auf 800. Weiterhin spricht Th. Lippmann den Lehrermangel im Land an. Trotz der bereitgestellten finanziellen Mittel durch das Land, findet sich nicht genügend Lehrpersonal, um die fehlenden Stellen zu besetzen. Er fordert, die Schulsozialarbeit aus der klassischen Projektförderung herauszulösen und sie als Dauerförderung durch das Land zu etablieren.

Auch M. Lieschke (AfD), Mitglied des Ausschusses Schule und Kultur, sprach sich positiv für den Erhalt der Schulsozialarbeit aus. Allerdings äußerte er, dass sicher nicht an jeder Schule in Sachsen-Anhalt Schulsozialarbeit benötigt würde. An einigen Schulen gäbe es sehr engagierte Lehrer*innen und Vereinsvertreter*innen, die auf die Schülerschaft positiv einwirken. Ihm fehle die Hoffnung, dass die Schulsozialarbeit verstetigt wird. Auch dem Landkreis Wittenberg fehlen die finanziellen Mittel für eine eigene Finanzierung.

M. Werner, Vorsitzender des Unterausschuss Jugendhilfeplanung, bittet M. Lieschke seine positive Äußerung zur Schulsozialarbeit aus der Gesprächsrunde mit in die Landtagsfraktion zu nehmen und zu kommunizieren.


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Bericht und Fotos: Nadine Müller, Bildungsreferentin des KKJR WB e. V.

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